Donnerstag, 10. März 2011

Muslime in der Schule


Integration durch Sprache oder Integration zur Sprache? - Muslime in der Schule

Das Wort Integration ist ein schillernder Begriff. Er lässt im Unklaren, was damit im Rahmen der Debatte um den Islam in Deutschland eigentlich gemeint sein soll.
Anpassung? Gesetzestreue? Terrorismusdistanz? Integrität? Das Wort Integration verweist jedenfalls mit der Definition „Einfügung eines Teiles in ein größeres Ganzes“ auf die bloß äußere Eingliederung von Migranten in eine sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Ein angemesseneres Wort, das auch das Befinden dieser Menschen andeutet, wäre das Wort „Heimischwerden“. Es ist angemessener, weil es mehrere wichtige Dimensionen berührt. Heimischwerden bedeutet nämlich nicht nur ein technisches oder ökonomisches Einpassen in eine Lücke, es bedeutet, dass etwas zur Heimat wird - etwa in einer städtischen Gemeinschaft oder Nachbarschaft - und ist also ein Prozess zwischen Migranten und Einheimischen, der zu Veränderungen in beiden Gruppen führt.
In Deutschland wurden Migranten in den letzten fünfzig Jahren heimisch, obwohl sie nicht alle Eigenheiten der Gesellschaft, in die sie eingewanderten waren, übernommen hatten. Das scheint heute nicht mehr so zu sein. Das Drängen nach Verbesserung der Sprachkompetenz könnte ein Symptom dafür sei, dass man eine vollständige Einpassung wünscht. Flüssiges und richtiges Sprechen ist durchaus ein Markierungspunkt des Einlebens, das, was die Zugehörigkeit zur „neuen“ Heimat bedeutend erweitert. Aber es gab in der jüngsten Geschichte Europas Gemeinschaften, die ihre Eigenart, ihren angestammten Sprachgestus durchaus nicht völlig verändert haben, die sogar das „gebrochene“ Sprechen kulturell verfestigten - und dennoch heimisch waren; denken wir an das Jiddisch der Juden oder den Dialekt des „melting pots“ Ruhrgebiet, der stark durch fremde Idiome geprägt ist. Diese „Sprachen“ waren zumindest lange Zeit Elemente einer Heimat - und liebenswert. Warum sollte so etwas für die jüngsten Einwanderergenerationen ausgeschlossen sein? Heimisch sein trotz gebrochener Sprache. Für die erste Generation der Einwanderer wird es keinen anderen Weg mehr geben. Auf der anderen Seite gibt es gerade in der dritten und vierten Generation der Einwanderer viele Muslime, die perfekt Deutsch sprechen, sich emotional aber immer weniger heimisch fühlen. Was passiert hier?
Man fragt sich zunächst, warum es bei aller Nähe von Zugewanderten und Einheimischen nicht immer zu einer völligen Kongruenz gekommen ist. Sprache dient manchmal nicht der Kommunikation, Sprache kann manchmal auch dazu benutzt werden, Minderheiten auszuschliessen. Migranten machen oft die Erfahrung, aufgrund fehlender Sprachfertigkeiten von bestimmten Privilegien ausgeschlossen zu werden - etwa dem Besuch einen „höheren“ Schule. Sprache kann als Grenzzaun benutzt werden, etwa durch die verstärkte Benutzung angestammter Dialekte oder auch durch prononcierte Verwendung der Hochsprache als Code, was genauso abschliesst wie ein Dialekt.
Diese Abgrenzungsprozesse haben eine gegenläufige Wirkung. Je mehr die Kinder und Enkel jener Migranten, die 3. und 4. Generation, des Deutschen mächtig werden, je mehr sie sich mit deutscher Literatur, deutscher Philosophie und Soziologie beschäftigen, desto mehr erfassen sie die subtilen Mechanismen der Abgrenzung. Fereschta Ludin, die Lehrerin afghanischer Herkunft, die das Lehramtsstudium mit Auszeichnung absolvierte, erfuhr, dass sie trotz hervorragender Noten und einer elaborierten Sprache nicht in den vorderen, priveligierten Bereich der Gesellschaft vorgelassen wurde. Wegen eines Kopftuchs konnte sie das Lehramt nicht antreten. Diese Vorgänge der Abschließung werden besonders von jenen mehr und mehr verstanden, die auch die sprachlichen Nuancen mehr und mehr verstehen. Gerade weil viele der jungen, gut ausgebildeten Muslime mit Migrantenhintergrund die Sprache perfekt beherrschen, erkennen sie auch die verborgenen Ressentiments, das „Messen mit zweierlei Maß“. Die sachlichen Bedenken, die man beispielsweise gegen das Tragen des Kopftuchs hat, stehen in krassem Widerspruch zur jüngsten Studie der Konrad Adenauer-Gesellschaft über die Haltung zur Demokratie bei kopftuchtragenden Musliminnen. Es sind unbegründete Erschwernisse für eine um Teilnahme bittende Minderheit, die hier offen zu Tage treten; sie dürften zu einem fatalen Effekt führen. Die gut ausgebildeten Migranten, Männer wie Frauen, werden abwandern und im Ausland nach Jobs und Heimat suchen. In Groß-Britannien oder Österreich gibt es wesentlich weniger Vorbehalte gegen Muslime, die ihren Glauben praktizieren möchten als in Deutschland. Das Bild der Muslime mit Migrantenhintergrund wird also entscheidend davon bestimmt werden, inwieweit die Gesellschaft bereit ist, sie an ihr partizipieren zu lassen.
Wenden wir uns zur gegenwärtigen Diskussion um die Integration der Zugewanderten und zum damit verbundenen „Einfordern von Sprachfähigkeiten“. Man denkt, wir schicken die Migranten in die Sprachkurse, dann integrieren sie sich schon, denn an der Sprache hängt schließlich alles. Tatsächlich führt aber nicht der Spracherwerb zur Integration, sondern umgekehrt: Erst wenn sich die Menschen heimisch fühlen, sind sie gerne bereit, die Sprache zu erlernen, weil zum Erlernen einer Sprache eine gewisse Offenheit zu den Trägern der Sprache gehört. Die Bedingung für Spracherwerb ist nicht so sehr eine allgemeine Disposition oder an das Vorhandensein fähiger Lehrer gebunden, die Bedingung für die Bereitschaft, die Mühe des Erlernens auf sich zu nehmen, ist das Gefühl, in der Sprachgemeinschaft willkommen und sicher zu sein. So erst erschliesst sich der Wert der fremden Kultur. Gegenwärtig lassen sich aber in Deutschland zwischen Einheimischen und Menschen mit Migrantenhintergrund Irritationen feststellen. Misstrauen und Missgunst an vielen Orten. Genau hier liegt also der Handlungsbedarf. Wir benötigen Zeichen des Vertrauens, um mit weniger Vorurteilen aufeinander zugehen zu können. Das Abfordern von Handlungen und Einstellungen wäre hier gerade das falsche Zeichen. Integration muss vielmehr ein interaktiver Prozess von Verständigung und Selbstkorrektur sein, keine Abfolge von Belehrung und Verbesserung.
Nur auf diesem Wege werden die Kinder von Migranten in den Schulen einen positiven Bezug zum Deutschen entwickeln und werden diese Sprache gerne - nämlich durch Unterstützung von daheim - erlernen.

Ayyub Mühlbauer






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